Käpt`nHerbert:KommandovolleKraftvoraus

Energiegeladen tobt Herbert Grönemeyer über die Bühne in Hamburg - mit alten und neuen Songs.

 

Will der denn gar nicht mehr aufhören? Gerade sind die Schlusstakte von "Letzter Tag" verklungen, und noch immer ist kein letzter Song zu erwarten. Zum Glück. Weit über zwei Stunden steht er schon auf der Bühne, ohne Pause, ohne müde zu werden. Wie macht er das nur, dieser Grönemeyer? Immerhin ist er letzten Monat 55 geworden. Und wo andere Konzerte zu Ende gehen, da fängt er noch mal richtig an und weist zunächst sein Publikum ein.

Die rechte Seite im Stadion soll "O-wäh-u-wäh-u-wäh" singen, die linke bekräftigen: "Zeit, dass sich was dreht". Und wie es sich bald darauf dreht. Das Lied, zur Fußball-WM 2006 geschrieben, kommt immer noch gut an, aus vollen Kehlen wird mitgesungen, ein Selbstläufer. Und Kapitän Herbert mitten drin im Sangessturm. Volle Kraft voraus.

"Das tut gut"

Wie ein Kind freut sich Grönemeyer über den Applaus. Mit dem Publikum wechselt er sich ab beim Singen.

Dieser Spaß am Spiel mit dem Publikum bestimmt das Hamburger Konzert, das zweite auf Grönemeyers "Schiffsverkehr"-Tour nach dem Start in Rostock, von Anfang an. Da gibt es zunächst die neuen Songs wie "Schiffsverkehr" oder "Kreuz meinen Weg". Als bei "Fernweh" großer Jubel aufbrandet, da bewegt Grönemeyer seine Fäuste vor der Brust schnell auf und ab, so als ob er etwas gewonnen hätte und sich darüber diebisch freut. Diese Bewegung wird er noch oft wiederholen am Abend.

 

Offensichtlich genießt er es, wieder auf Tour zu sein. "Das tut gut" sagt er mehrmals, als der Beifall lange anhält. Und bejubelt werden nicht nur die Klassiker wie "Bochum" oder "Was soll das", sondern auch die neuen Titel wie "Auf dem Feld". Mit jazzigem Sound singt Herbert hier über Soldaten im Afghanistan-Krieg. Zuvor hatte er gesagt, dass "man nicht versteht, warum die nicht einfach alle zurückkehren können". Das bleibt die einzige politische Aussage von ihm an diesem Abend.

Bier fangen und auf Buchstaben verzichten

"H R B R T" - Bei so viel Energie und Einsatz kann man die Vokale in seinem Namen schon mal weglassen.

Die Freude, wieder da zu sein, steht im Mittelpunkt. Da nimmt er vor "Alkohol" schon mal einen Schluck Bier, indem er es aus dem Becher in die Luft schleudert und nur wenig davon mit dem Mund, den Rest aber mit dem Anzug auffängt und anschließend den Becher halbvoll von der Bühne in die ersten Reihen kickt.

Überhaupt die Bühne. Fünf Videoleinwände sind dort zu einem riesigen digitalen Segel geformt. In großen Lettern steht darunter "H R B R T". Wer so gut drauf ist wie Herbert kann es sich leisten, auf die Vokale in seinem Namen zu verzichten. Und auf Eitelkeiten sowieso. "Männer kriegen dünnes Haar" - wie zum Beweis zeigt der Erfinder dieser Zeilen auf seinen kahler werdenden Schädel.

Immer noch eine Zugabe

Doch mehr macht das Alter scheinbar nicht mit ihm. Er ist voll dabei, energiegeladen und enthusiastisch. Gleich darauf wieder anrührend und melancholisch wie bei "Der Weg" und "Stück vom Himmel". Immer begeisternd - und immer selbst begeistert.

Wertung

Er kann nicht wie andere Künstler nach drei, vier Zugaben einfach so von Bord gehen. Kommt stattdessen immer wieder zurück auf die Kommandobrücke, reißt das Steuer noch ein ums andere mal herum und nimmt Kurs auf Klassiker wie "Flugzeuge im Bauch", lässt elegisch das Segel schwellen bei "Glück" und kommt schließlich in ruhige Fahrwasser, wenn er "November" anstimmt. Einen Song, an dem ihm viel liegt, den er als "schönes Lied" bezeichnet, das "etwas versteckt auf der neuen Platte liegt".

Kurz bevor nach drei Stunden und elf Zugaben-Songs wirklich Schluss ist, kommt noch das schwungvolle "So wie ich". Im Refrain, der sich im weiten Rund des Stadions vervielfältigt und munter zurück auf die Bühne geschleudert wird, heißt es "Keiner liebt mich so wie ich". Irrtum, Herbert. Alle tun das. Nach wie vor.

 


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© Sonja Schneider